Den Amboss hat er immer dabei

Seit 41 Jahren kümmert sich der Tornescher um das Wohl und Weh von Galopprennpferden, Trabern, Reitpferden und Ponys.

Norderstedt. Das Handy klingelt Sturm. Wolfgang Bruhn sagt: "Jetzt gibt's Arbeit für mich." Eine Frau, die auf dem Reiterhof Nordpol an der Poppenbütteler Straße drei Pferde stehen hat, ruft an. Einer ihrer Vierbeiner hat Beschwerden. Wahrscheinlich eine Hufentzündung, glaubt sie.

Wolfgang Bruhn weiß Bescheid, denn er kennt das Pferd gut. "Alle vier Beine waren vor einigen Tagen dick, also kann es keine Entzündung sein", sagt der 57 Jahre alte Hufbeschlagschmied aus Tornesch im Kreis Pinneberg. "Die Beine müssen erst abschwellen, ehe ich neue Eisen anbringen werde."

Seit 41 Jahren kümmert sich Wolfgang Bruhn um das Wohl und Weh von Galopprennpferden, Trabern, Reitpferden und Ponys. Der von ihm jetzt geleitete, 1940 gegründete Familienbetrieb (Vater Martin und Sohn Stephan arbeiten mit ihm zusammen) ist eines der wenigen Unternehmen in Norddeutschland, das noch über eine eigene Schmiede verfügt. Die steht seit vielen Jahren auf dem Gelände der Trabrennbahn an der Luruper Chaussee in Hamburg-Bahrenfeld.

Seit 6.30 Uhr steht Wolfgang Bruhn an diesem Tag am offenen Feuer und schmiedet mehrere Sätze Eisen fürs Tagesgeschäft. Nach zwei Stunden ist er fertig und bringt sie hinüber zu seinem Pkw-Transporter, mit dem er bis zum späten Abend Kunden in Norderstedt und Umgebung besuchen wird.

Die fahrbare Werkstatt ist komplett ausgerüstet. Beschlaghammer, Amboss, Schleifstein, Gewindeschneider, Bohrer, Abnehm- und Beschlagzange - nichts fehlt für einen fachmännischen und ordnungsgemäßen Betrieb.

Um zehn Uhr hat Bruhn einen Termin bei Martina Schiemer, Besitzerin des "Pony-Stalls" an der Glashütter Landstraße. Hier soll er Fabian verarzten. Der Schimmelwallach ist schon 30 Jahre alt, und seine Besitzerin Jilly sorgt sich sehr um ihren Liebling.

"Das kriegen wir schon hin", versichert Wolfgang Bruhn beruhigend. Fabian hat Arthrose in den Beinen, er kann sie nicht mehr richtig anheben. Er schlurft nur noch mit seiner Reiterin durch Wald und Wiesen. Der Schmied weiß Rat: Er lässt dem alten Raufer einen "orthopädischen" Beschlag zukommen, er verbindet die neuen Eisen mit einer Spezial-Keileinlage. "Jetzt steht Fabian höher, und die Beine werden entlastet", sagt Wolfgang Bruhn.

Anschließend behandelt er noch den elf Jahre alten Hannoveraner Wallach Musical Medley, der schon unruhig in seiner Stallbox mit den Hufen scharrt. Dann folgt ein Telefonat mit einer ihm geschäftlich verbundenen Norderstedter Tierärztin, und dann springt Wolfgang Bruhn in seinen Transporter: Um zwölf Uhr muss er Pferde in Seth beschlagen, danach geht es nach Wiemerskamp und am späten Nachmittag noch nach Poppenbüttel.

Über Arbeitsmangel klagt Wolfgang Bruhn nicht: Schließlich muss jedes Pferd sein Leben lang alle sechs Wochen beschlagen werden . . .

Quelle: Hamburger Abendblatt - Hans-Eckart Jaeger - 21. November 2007